Gut Mord!
Kurt Tucholsky · 1890–1935
29 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 16. März 1926
Gut Mord! von Theobald TigerEine niedrige Stirn, zwei Augenritzen,ein breites Kaschubengesicht;die da auf der Anklagebank sitzen,die waren es eigentlich nicht.Der schoß. Der hat den Revolver getragen.Beweis? Aber wird er gestehn?Er kanns ja nicht sagen, er kanns ja nicht sagen –er weiß was auf wen.
Auf den Vorgesetzten. Der wird ihn schon decken.Er muß. „Sonst pack ick hier aus –!“Sie werden sich hüten, zu vollstrecken;was käme da Alles heraus!Packt man den Anstifter auch beim Kragen?Leider wird das nicht gehn.Er kann ja nichts sagen, er kann ja nichts sagen –er weiß was auf wen.
Auf die Vorgesetzten. Auf gegebene Befehle,auf Minister und Büros.Es zittern Richter und Generäle.Hände weg – sonst gehts los!Der Letzte ists, den die Hunde jagenunter Ausschluß der Öffentlichkeit.Ihr braucht nicht zu fragen, Ihr braucht nicht zu fragen –wir wissen Alle Bescheid.Wer ist taub gegen herzzerreißende Klagender Frauen, tränenleer –?Ich kanns ja nicht sagen, ich kanns ja nicht sagen.Aber wir wissen Alle: wer.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Die Weltbühne. Jahrgang 22, Nummer 11, Seite 409, Verlag der Weltbühne, Berlin, 16. März 1926
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Gut Mord!“, Fassung 999.866 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
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