Die Orden
Kurt Tucholsky · 1890–1935
35 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 18. Juli 1919
Die Orden / Von Theobald Tiger
Louise, geh mal in die gute Stubeund mach dich an das braune Vertiko –da liegt gleich oben in dem linken Schubeein schwarzer Kasten – den bring hinter – so!In dem sind alle, alle meine Orden,die mir so sachtechen verliehen worden –und voller Rührung seh ich alter Mannmir meinen Kasten mit den Orden an.
Da ist zum Beispiel in der bunten Masse– es hat sich, Frau, doch mit der Zeit summiert –der gute Kronenorden vierter Klasse,den hat mir mein Ressortchef angeschmiert.Ich sollte ihn ja eigentlich nicht haben,doch damals waren alle andern Knabenauf Urlaub, und ich war grad in Berlin;und, siehst du, Kindchen, so bekam ich ihn.
Und dieses Kreuz am weiß und schwarzen Bandeverlieh man mir in unserm großen Krieg.Ich war nicht mit. Ich saß im Hinterlandeund feierte recht tüchtig jeden Sieg.Ich hab doch aber schließlich nichts verbrochenund war beim Chef und hab mit ihm gesprochen,und der Erfolg war prompt und ganz enorm –denn das gehört nun mal zur Uniform.
Und der – und dieser – und die hübschen Sterne!Und hier das Kreuz – und dieses Glitzerstück –Ich trug sie alle stolz und gar zu gerne …nun lege ich sie traurig all zurück.Ich kann die Monarchie doch nicht vergessen.Ich hab sie mir erschoben und ersessen.Die schöne Zeit! Man war doch schließlich wer.Pack ein! Stell weg!’s hat keinen Zweck!Mich freut der ganze Dienstkram nun nicht mehr!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Ulk Jahrgang 48. Nummer 29. Seite 102, Rudolf Mosse, Berlin, 18. Juli 1919
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Orden“, Fassung 3.542.865 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
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