Zum Inhalt springen
Versbuch

Die blonde Dame singt

Kurt Tucholsky · 18901935

34 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1919

Für Gussy Holl

Ich habe mir mein Deutschland angesehenin seiner großen, in der kleinen Zeit.Ich sah den Kaiser in die Oper gehen;der Hermelin war diesem Mann zu weit.Und dann die Schranzen! und die Generäle!Grau an Humor, am Rock indianerbunt …Und leicht enttäuscht fragt meine liebe Seele:„Na und …?“

Das wühlt und wimmelt in den großen Städten.Der Proletarier schuftet wie ein Tier.Der deutsche Bürger läßt sich ruhig treten,er macht Geschäfte und schluckt biedres Bier.Und Kunst und immer diese selben Jungen,nur Not und Kummer hält die Brut gesund.Erfolg? Dann haben sie bald ausgesungen.Ich frage mich, wenn all der Lärm verklungen:„Na und …?“

Dann gab es Krieg und hohe Butterpreise.Es deliriert das Land. Revolution!Dem ganzen deutschen Bürgerstand geht leiseder Stuhl mit Grundeis, nun, man kennt das schon.Es rufen hier und da Idealisten,man gründet Räte, Gruppen, einen Bund …Ich sehe Bolschewiki, Spartakisten –„Na und …?“

Und steh ich einstmals vor dem Weltenrichter,(der liebe Gott ist schließlich auch ein Mann),streckt er sein Flammenschwert steil hoch und spricht er:„Dich böses Mädchen seh ich nicht mehr an!Hinweg! du sollst ins Fegefeuer pultern!Werft sie mir in den tiefsten Höllenschlund!“Dann sag ich leis und hebe müd die Schultern:„Na und …?“

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Fromme Gesänge, S. 43-44, Felix Lehmann, Charlottenburg, 1919
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die blonde Dame singt“, Fassung 3.487.168 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Kurt Tucholsky

Alle Gedichte von Kurt Tucholsky ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Moderne und Expressionismus

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.