Die Jahresgöttin singt
Kurt Tucholsky · 1890–1935
28 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1.Januar 1920
Von Theobald Tiger
So komm ich über Nacht zu euch geschrittenmit Amor neben mir.Ich bin hier etwas fremd und möchte bitten:Macht mir nur viel Pläsier!Ich bin das neue Jahr und will doch hoffen:wir habens miteinander gut getroffen.
Ich will euch lieben. Seht in meine Augen –Sie sind ein wenig schwül.Ihr jammert? Die Regierung will nichts taugen?Mich läßt das ziemlich kühl.Hat man euch auch in Ost und West genommen:Wenn ihr nur wollt –das Glück kann wiederkommen!
Ich bin ein Weib, und ich versteh nur wenigvon eurer Politik.Ich bin ein junges Weib – ihr Herrn, ich sehn michnach einer Republik.Ihr seid noch schließlich mit den Fürsten allen– verzeiht! – erheblich hinten abgefallen.
Die Herzen hoch! Erholt einmal das Land sich,wird alles besser sein.Ich bin die Göttin 1920.Ich bring das Glück herein.Komm, Amor! Zeig dich einmal rund im Kreise!Licht soll es werden, wie es einstmals war!Ich aber wünsch euch – sehr verliebt und leise –ein frohes neues und ein bessres Jahr!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Ulk Jahrgang 49. Nummer 1. Seite 2, Rudolf Mosse, Berlin, 1.Januar 1920
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Jahresgöttin singt“, Fassung 3.513.741 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
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