Zum Inhalt springen
Versbuch

Wiedersehn mit Schmetterlingen

Karl Kraus · 18741936

48 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1920

Wie nach den Lebensnächtenes prangt in neuen Prächten,vom Morgenthau benetzt!Was hebet aus den Grüftenund letzt mit linden Lüftenauch mich zuguterletzt?

Es heilt das Herz vom Hirneund kühlt die kranke Stirneam jungen Tag gesund.Das strömt von andern Sternenund läßt die Liebe lernenauf einem grünen Grund.

Der Welt war ich ein Riese.Ein Kind bin ich der Wiese.Nun ist’s wie dazumal.Dort drüben hinterm Berge,dort kämpfen feige Zwerge.Ich spiele in dem Thal.

Hier, fern von Trug und Tadel,leiht Rittersporn den Adel,mein Muth ist Löwenzahn!Die Zeit mir zu begleiten,erzählt der Bach von Zeiten,die hat die Zeit verthan.

Und daß ich wieder singe,erscheinen Schmetterlinge,o grenzenloses Glück!Auf einem Sonnenstrahledie stolzen Admirale,sie kehren mir zurück!

War’s schwer, ihr Papilionen,auf dieser Welt zu wohnen?Verlort ihr diese Spur?Zusammen hier zu rasten,lockt uns ein Leierkasten,der spielt »Nur für Natur«.

Wir junggewohnten Schwärmer,wir wurden arm und ärmerin der papiernen Pein.So sagt, ihr losen Lieben,wo wart ihr denn geblieben,und ließet mich allein?

Der Walzer ist verflossen,wir waren Zeitgenossen,bleibt doch ein Weilchen stehn!Die Zukunft ist begraben,die fressen schon die Raben.Wann werden wir uns wiedersehn?

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Ausgewählte Gedichte, S. 18-19, Verlag der Schriften von Karl Kraus (Kurt Wolff), München, 1920
Digitalisat
de.wikisource.org — „Wiedersehn mit Schmetterlingen (Kraus)“, Fassung 1.228.368 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Karl Kraus starb 1936; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2006 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118566288 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Karl Kraus

Alle Gedichte von Karl Kraus ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Moderne und Expressionismus

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.