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Versbuch

Zum ewigen Frieden

Karl Kraus · 18741936

32 Zeilen in 16 Strophen · zuerst gedruckt 1920

Nie las ein Blick, von Thränen übermannt,ein Wort wie dieses von Immanuel Kant.

Bei Gott, kein Trost des Himmels übertrifftdie heilige Hoffnung dieser Grabesschrift.

Dies Grab ist ein erhabener Verzicht:»Mir wird es finster, und es werde Licht!«

Für alles Werden, das am Menschsein krankt,stirbt der Unsterbliche. Er glaubt und dankt.

Ihm hellt den Abschied von dem dunklen Tag,daß dir noch einst die Sonne scheinen mag.

Durchs Höllentor des Heute und Hieniedenvertrauend träumt er hin zum ewigen Frieden.

Er sagt es, und die Welt ist wieder wahr,und Gottes Herz erschließt sich mit »und zwar«.

Urkundlich wird es; nimmt der Glaube Teil,so widerfährt euch das verheißne Heil.

O rettet aus dem Unheil euch zum Geist,der euch aus euch die guten Wege weist!

Welch eine Menschheit! Welch ein hehrer Hirt!Weh dem, den der Entsager nicht beirrt!

Weh, wenn im deutschen Wahn die Welt verschliefdas letzte deutsche Wunder, das sie rief!

Bis an die Sterne reichte einst ein Zwerg.Sein irdisch Reich war nur ein Königsberg.

Doch über jedes Königs Burg und Wahnschritt eines Weltalls treuer Untertan.

Sein Wort gebietet über Schwert und Machtund seine Bürgschaft löst aus Schuld und Nacht.

Und seines Herzens heiliger MorgenröteBlutschande weicht: daß Mensch den Menschen töte.

Im Weltbrand bleibt das Wort ihr eingebrannt:Zum ewigen Frieden von Immanuel Kant!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Ausgewählte Gedichte, S. 70-71, Verlag der Schriften von Karl Kraus (Kurt Wolff), München, 1920
Digitalisat
de.wikisource.org — „Zum ewigen Frieden (Kraus)“, Fassung 1.582.983 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Karl Kraus starb 1936; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2006 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118566288 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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