„Alle Vögel sind schon da“
Karl Kraus · 1874–1936
20 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1920
Das Zimmer schweigt und vor dem Fensterbrütet der Sonntag seinen Plan,führt auf dies stumme Ab und An,die Pantomime der Gespenster.
Und rechts und links in meinem Zimmerhängt was gewesen an der Wand,ein toter Freund reicht seine Handund was gewesen ist, bleibt immer.
Es schweigt mich an wie eine Sage,ein jedes Ding von seinem Ort.Die heimgegangne Göttin dortruft des Geschlechtes heilige Klage.
Wie laut wird alles, was da schweigt.Nun bin ich schon im frühsten Alter.Da wird die Stille rings zum Psalter,zu dem des Nachbars Junge geigt.
Des ersten Frühlings Glückerlebenwird wieder mir so greifbar nah.Ach, „alle Vögel sind schon da“!Ich seh' sie durch das Zimmer schweben.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Ausgewählte Gedichte, S. 29, Verlag der Schriften von Karl Kraus (Kurt Wolff), München, 1920
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „„Alle Vögel sind schon da“ (Kraus)“, Fassung 1.096.132 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Karl Kraus starb 1936; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2006 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118566288 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.