Majestätsbeleidigung
Karl Henckell · 1864–1929
48 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1921
Der Satan wurde Staatsanwalt,Sein Herz, das war wie Eis so kalt.Gott gab im Zorne dem GeschmeißZum Busen einen Kübel Eis,Und wo sonst Menschen Mitleid fühlen,Da konnte man Champagner kühlen.
Zu Magdeburg in Vorhaft saßEin Sozialist, der jüngst vergaß,Daß hoch im deutschen VaterlandEin Götze thront, S. M. genannt,Des heiligen Namen zu betastenGenügt, verbrechrisch zu belasten.
Zum Schutze solcher MajestätSind diesem Götzen früh und spätVom Mummelsee bis HelgolandViel Götzenwächter vorgespannt,Die jedem Lästerer des GötzenDas Messer des Gesetzes wetzen.
Zu Dessau lag mit reifem LeibIm Wochenbett ein junges Weib.Sie sah die schwere Stunde kommenUnd schrieb und bat so angstbeklommenDen Büttelvogt: „O laßt’s geschehn!Darf ich ihn nicht noch einmal sehn?!“
Sie fleht’ und schrieb zum andern MalIn Finsternis und Seelenqual.Vor ihren Augen fuhr der TodSchon auf sie zu in schwarzem Boot,Und schaukelnd schwamm auf fahlem TeicheDas Wieglein mit der kleinen Leiche.
Da, wie sie gell um Hilfe rief,Bracht’ ihr die Wärterin den Brief –Vom Mann, zum Trost in Pein und Gram?O nein! Die Weihnachtsbotschaft kamVom Staatsanwalt. So schloß sein Schreiben:„Bedaure sehr, Ihr Mann muß bleiben!
Wir lassen keinesfalls ihn los,Dafür ist seine Schuld zu groß.Man wird ihn schwer bestrafen müssen …“Das arme Weib sank in die Kissen– Ein jäher Schrei durch Mark und Bein! –Und starb. Hier steht ihr Leichenstein:
„Im Reich der Gottesfurcht allhieZur Zeit der Schmach ward schwanger sie.Ihr Mann fiel in des Satans Krallen,Da hat es Gott dem Herrn gefallen,Und nahm sie zu sich in der NachtDer majestätischen Niedertracht.“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gesammelte Werke, Bd. 2, München 1921, S. 142–144, J. M. Müller, München, 1921
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Majestätsbeleidigung“, Fassung 1.610.308 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Karl Henckell starb 1929; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1999 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118835289 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.