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Versbuch

Mahomets Gesang

Johann Wolfgang von Goethe · 17491832

68 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1789

Seht den Felsenquell,Freudehell,Wie ein SternenblickÜber Wolken,Nährten seine JugendGute GeisterZwischen Klippen im Gebüsch.

JünglingfrischTanzt er aus der WolkeAuf die Marmorfelsen nieder,Jauchzet wiederNach dem Himmel.

Durch die GipfelgängeJagt er bunten Kieseln nach,Und mit frühem FührertrittReißt er seine BruderquellenMit sich fort.

Drunten werden in dem ThalUnter seinem Fußtritt Blumen,Und die WieseLebt von seinem Hauch.

Doch ihn hält kein Schattenthal,Keine Blumen,Die ihm seine Knie umschlingen,Ihm mit Liebesaugen schmeicheln:Nach der Ebne dringt sein LaufSchlangenwandelnd.

Bäche schmiegenSich gesellig an. Nun tritt erIn die Ebne silberprangend,Und die Ebne prangt mit ihm,Und die Flüsse von der Ebne,Und die Bäche von den Bergen,Jauchzen ihm und rufen: Bruder!Bruder, nimm die Brüder mit.Mit zu deinem alten Vater,Zu dem ew’gen Ocean,Der mit ausgespannten ArmenUnser wartet,Die sich ach! vergebens öffnen,Seine Sehnenden zu fassen;Denn uns frißt in öder WüsteGier’ger Sand, die Sonne drobenSaugt an unserm Blut, ein HügelHemmet uns zum Teiche! Bruder,Nimm die Brüder von der Ebne,Nimm die Brüder von den BergenMit, zu deinem Vater mit!

Kommt ihr alle! –Und nun schwillt erHerrlicher, ein ganz GeschlechteTrägt den Fürsten hoch empor!Und im rollenden TriumpheGibt er Ländern Namen, StädteWerden unter seinem Fuß.

Unaufhaltsam rauscht er weiter,Läßt der Thürme Flammengipfel,Marmorhäuser, eine SchöpfungSeiner Fülle, hinter sich.

Zedernhäuser trägt der AtlasAuf den Riesenschultern; sausendWehen über seinem HaupteTausend Flaggen durch die Lüfte,Zeugen seiner Herrlichkeit.

Und so trägt er seine Brüder,Seine Schätze, seine Kinder,Dem erwartenden ErzeugerFreudebrausend an das Herz.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Johann Wolfgang von Goethe: Goethes Schriften. Achter Band, G. J. Göschen. 1789. Seite 183-186, G. J. Göschen, Leipzig, 1789
Digitalisat
de.wikisource.org — „Mahomets Gesang“, Fassung 628.386 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Johann Wolfgang von Goethe starb 1832; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1902 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118540238 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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