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Versbuch

Lied einer Nonne

Johann Baptist von Alxinger · 17551797

56 Zeilen in 14 Strophen · zuerst gedruckt 1780

Bittre Thränen, deren QuelleNie versieget, fliesset hin,Ueberschwemmt die öde Zelle,Wo ich eingekerkert bin!

Trüb das Aug, mit blassem Munde,Welker Wange, fleh’ ich hierIn der grausen Geisterstunde,Mein Gekreutzigter, zu dir!

Ach, ersticke dieses Feuer,Das in meinem Busen wühlt,Das kein Skapulier, kein Schleyer,Das kein heilig Wasser kühlt!

Sieh! an meinen hagern LendenNaget das Zilizium;Und den Rosenkranz in HändenIrr’ ich durch dein Heiligthum:

Spreche mit Cathrinens MutheDer empörten Menschheit Hohn,Geißle mich, von härner KutteSo schon wund, zum Skeletton.

Dennoch, weh mir Armen, wehe!Scheint mir Selmar immer nah;Wo ich knie, wo ich stehe,Ist das Bild des Jünglings da!

Will ich im Breviere beten,Find’ ich seinen Namen drin;Will ich zum Altare treten,Seh’ ich, statt des Priesters, ihn;

Wenn ich auf dem Antlitz liege,Hebet er mich tröstend auf;Knie’ ich auf der heilgen StiegeKniet auch er vor mir hinauf:

Selbst aus blassen LeichensteinenTönt mir seine Stimm’ ins Ohr,Zwischen modernden GebeinenGlänzt sein blaues Aug hervor.

Von Gedanke zu GedankeFortgeschleudert, steh’ ich hier,HErr, von deinem Kreutz, und wankeZwischen ihm und zwischen dir;

Denn die frommen Mörder haben,Jesus, dir mich anvertraut.Sieh, lebendig eingegrabenWinselt strafbar deine Braut,

Schmachtet, ewiglich verlassen,Hier an diesem Jammerort,Wie auf unwirthbaren StrassenEin verwahrlost Bäumchen dorrt.

Laß sie ja nicht länger schmachten,Geh mit ihr nicht ins Gericht,Lieb’ und Welt will sie verachten;Aber ach, sie kan es nicht.

Tilge dieses heisse Sehnen,Schaff’ in meinem Herzen Ruh,Oder drück’ ein Aug voll ThränenDurch die Hand des Todes zu.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte S. 83–86, 1. Auflage, Johann Jacob Gebauer, Halle, 1780
Digitalisat
de.wikisource.org — „Lied einer Nonne“, Fassung 2.966.625 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Johann Baptist von Alxinger starb 1797; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1867 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118648594 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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