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Versbuch

Worte eines durchfallkranken Stellungslosen in einen Waschkübel gesprochen

Joachim Ringelnatz · 18831934

42 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1920

Bloß weil ich nicht aus Preußen gebürtig.Wo hab’ ich nur den Impfschein verloren?Das lange Warten auf den Korridoren,Das ist so un-, so unwürdig.Wären wenigstens meine Haare geschoren.Und den Durchfall habe ich auch.Das geht mitten im Gespräch plötzlich eiskalt aus dem Bauch.

Als mich Miß Hedwin erkannte und rief,Die hab’ ich vor Jahren, in Genf, einmal – versetzt.Nun sind meine Absätze schief.Und sie trug ein Reitkleid und fütterte Kücken.Aber ich darf mich nicht bücken.Denn meine – ach mein ganzes Herz ist zerfetzt.

Ob ich gespeist habe?Ob mir die Hecke gefiele?Ja ich habe – gespeist. – (In Genf!Und zuletzt, vor drei Tagen, Semmel mit Senf)Und mich können alle HeckenAm Asche –.

Vergessen sei Genf, vergessen die ganze Schweiz!Dürfte ich nur noch einmal in Seifhennersdorf oder ZeitzSteine klopfen.Ach! – ich möchte jenem verdammtenStellenvermittlungsbeamtenSiebzehn Legitimationspapiere meines Großvaters mütterlicherseitsIn den Rachen stopfen!

Auch hat mich vorübergehend durchzuckt:Ich wollte sterben nach einer grellen Raketentat.Ich habe Lysol und einen Drillbohrer verschluckt.Ich sandte ein Kuvert an den Hamburger Senat;In das Kuvert hatte ich kräftig gespuckt.

Aber niemand glaubt an den Dreck.Nun ist meine Seife weg;Irgend jemand stöbert in meinen Taschen. –

Ich kann mir doch nichtDas GesichtMit einem Bouillonwürfel waschen.

Nun warte ich auf gigantisches Weltgeschehn.Wenn’s mich – zusammen mit den andern – zerfleischt,Wenn das Sterben der anderen, Glücklichen mich umkreischt,– Dann –Dann will ich mir eine Zigarette drehn!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Turngedichte, Kurt Wolff Verlag, München, 1920
Digitalisat
de.wikisource.org — „Worte eines durchfallkranken Stellungslosen in einen Waschkübel gesprochen“, Fassung 3.779.244 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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