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Versbuch

Am Hängetau

Joachim Ringelnatz · 18831934

43 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1920

Das Hängetau ist lang und steil.Jedoch die Übung an dem SeilIst heilsam und veredelt.Dieweil du kletterst, wächst das TauDir hintenraus und wedeltA la Wauwau.

Marie, die unten nach dir blickt,Kommt mit der Quaste in Konflikt.

Ich wette um ein Faß Gelee:Drei Meter über der ErdenErfaßt dich plötzlich die Idee,Du möchtest Seemann werden.

Der Kletterschluß mißlingt dir freilich.Er klingt auch häßlich papageilich.Schon dieserhalb und um so mehrSchwankst du verzweifelt hin und her,Als atemloser Pendel.Und jäh umgibt dich in der LuftEin unartikulierter DuftSehr abseits von Lawendel.

Und dann erreichst du ganz verzagtDen Balken unter Pusten,Und weil Marie von unten fragt,Und weil die Stimme dir versagt,So fängst du an zu husten.

Die Dame frägt, ob schwindelfreiUnd schüttelt die Manilla.Du mimst voll Angst und HeucheleiDen schwärmenden Gorilla.Doch weil allmählich Zeit vergehtUnd nirgends eine Leiter steht,Entschließt du dich voll GrausenUnd präsentierst dein HinterteilUnd angelst lange nach dem SeilUnd läßt dich plötzlich sausen.

Du plumpst der Dame auf die BrustUnd tust, als tätst du das bewußt,Und blähst dich wie ein Segel.Und nickst ein heiteres Allheil!Und lachst und fühlst dich doch derweilTeils Burschenschaft, teils Flegel.

Kein Mädchen, nicht einmal die Braut,Sieht gerne Hände ohne Haut.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Turngedichte, Kurt Wolff Verlag, München, 1920
Digitalisat
de.wikisource.org — „Am Hängetau“, Fassung 3.778.790 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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