Wenn ich allein bin
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
43 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1920
Wenn ich allein bin, werden meine Ohren lang,Meine, meine Pulse horchen bangAuf queres Kreischen, sterbenden GesangUnd all die Stimmen scheeler Leere.
Wenn ich allein bin, leck ich meine Träne.
Wenn ich allein bin, bohrt sich meine Schere,Die Nagelschere in die Zähne;Sielt höhnisch träge sich herum die Zeit. –Der Tropfen hängt. – Der Zeiger steht. –
Einmal des Monats steigt ein PostpaketAufrührerisch in meine Einsamkeit.So sendet aus Meran die Tante LieseMir tausend fromme, aufmerksame Grüße;Ein’ jeden einzeln sauber einpapiert,Mit Schleifchen und mit Fichtengrün garniert,Vierblätterklee und anderm Blumenschmuck –
Ich aber rupfe das GemüseHeraus mit einem scharfen Ruck,Zerknülle flüchtig überfühlendDen Alles-Gute-Wünsche-BriefUnd fische giftig tauchend, wühlend,Aus all den Knittern und RosettenDas einzige, was positiv:Zwei Mark für Zigaretten.
Die Bilder meiner Stube hängen schief.In meiner Stube dünsten kalte Betten.Und meine Hoffart kuscht sich. Wie ein FalterSich ängstlich einzwängt in die Borkenrinde.Wenn ich allein bin, dreht mein FederhalterSchwarzbraunen Honig aus dem Ohrgewinde.
Bin ich allein: Starb, wie ein Hund verreckt,Hat mich ein fremdes Weib mit ihren SchleiernAus Mitleid oder Ekel zugedeckt.Doch durch die Maschen seh ich Feste feiern,Die mich vergaßen über junger Lust. –
Ich reiße auseinander meine BrustUnd lasse steigen all die Vögel, dieIch eingekerkert, grausam dort gefangen,Ein Leben lang gefangenhielt, und nieBesaß. Und die mir niemals sangen.Wenn ich allein bin, pups ich lauten Wind.Und bete laut. Und bin ein uralt Kind.Wenn ich –
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Turngedichte, Kurt Wolff Verlag, München, 1920
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Wenn ich allein bin“, Fassung 3.779.492 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
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