Westindische Nächte
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
24 Zeilen in 2 Strophen · zuerst gedruckt 1910
Füll mir den Becher mit jenem purpurnen Weine.Aus der Erinnerung tiefgegrabenen SchächtenFördert er köstliches Gold und EdelsteineUnd erzählt von schönen, westindischen Nächten.Schauernd mit herzergreifendem GrausenHör ich das Meer, den Sturm und des Urwalds Brausen,–Niebeschriebene Töne, Bilder, Gefühle.Heimlicher Liebe paradiesische Schwüle,Schweigendes Dunkel, trauliche Lagerfeuer,Sternengefunkel, trunkene Abenteuer,Sorgloses Lachen, lustige Banchoklänge,Unvergeßliche, seltsame, ernste Gesänge,Wallender Dunkelhaare bläuliches Schimmern,Fremder Stimmen fernes Schreien und Wimmern,Scheidender Schiffe heimwehweckende Grüße,Duftender Blüten heiße berauschende Süße,Krachende Zweige, Mondschein, fliehendes Wild – –
Und dazwischen seh ich ein schmerzliches Bild.Muß ich der schönsten aller KreolenfrauenEinmal noch in die brechenden Augen schauen.Sehe sie wortlos in meinen Armen sterben. –Oh wie grausam seid ihr himmlischen Mächte! – –Freund verzeih, ich warf wohl den Becher zu ScherbenAch ich dachte wilder, westindischer Nächte.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 15, 1. Auflage, Hans Sachs-Verlag Schmidt-Bertsch & Haist, München, Leipzig, 1910
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Westindische Nächte“, Fassung 2.533.521 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
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