Vorm Brunnen in Wimpfen
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
23 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1933
Du bist kein du,Wasser. – Hättest nicht ruh,Mich auszuhören.Ihr fließet immerzuUnd immer weiter und möglichst weit.
Wie euch der Brunnen aus eisernen RöhrenIn den heißen Althäuserplatz speist,Erdengeläutert und ausgekühlt;Da ihr alte und neue ZeitUnd den Himmel abkonterfeit, –
Siehet mein durstiges StaunenIn euch doch immerzu andre.Immer wieder mit über den Rand gespühlt,Fängt es aus eurem RaunenNur eines auf: Wandre!
Von euch möcht ich trinken.
Ihr würdet lau, wenn ihr stehen bliebt,Ihr würdet trüb. Ihr würdet verweilendFaulen und stinken.
Was kümmert’s euch, daß ein Mensch euch liebt.Dauernd zerteilt euch selber enteilend,Seid ihr getrieben ein treibendesGanzes, rein bleibendes.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- 103 Gedichte, S. 8–9, 1. Auflage, Ernst Rowohlt, Berlin, 1933
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Vorm Brunnen in Wimpfen (103 Gedichte)“, Fassung 3.778.780 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.