Seemannstreue
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
37 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1924
Nafikare necesse est.Meine längste Braut war Alwine.Ihrer blauen Augen GelatineIst schon längst zerlaufen und verwest. –Alwine sang so schön das Lied:„Ein Jäger aus Kurpfalz“.
Wie Passatwind stand ihr der Humor.– Sonntags morgens wurde sie bestattetIn der Heide, wo kein Bäumchen schattet,Und auch ihre Unschuld einst verlor.
Donnerstags grub ich sie wieder aus.Da kamen mir schon ihre OhrlappenSo sonderbar vor.
Freitags grub ich sie dann wieder ein.Niemand sah das in der stillen Heide. –Montags wieder aus. Von ihrem Kleide,Das man ihr ins Grab gegeben hatte,Schnitt ich einer Handbreit gelber Seide,Und die trägt mein Bruder als Krawatte. –
Gruslig war’s: Bei dunklem oder feuchtenWetter fing Alwine an zu leuchten.Trotzdem parallel zu ihr verweilenWollt ich ewiglich und immerdar.Bis sie schließlich an den weichen TeilenSchon ganz anders und ganz flüssig war.
Aus. Ein. Aus; so grub ich viele Wochen.Doch es hat zuletzt zu schlecht gerochen.Und die Nase wurde blauer Saft,Wodrin lange Fadenwürmer krochen. –Nichts für ungut: das war ekelhaft. –Und zuletzt sind mir die schlüpfrigen KnochenAusgeglitten und in lauter Stücke zerbrochen.
Und so nahm ich Abschied von die Stücke.Ging mit einem Schoner nach Iquique,Ohne jemals wieder ihr GebeinAuszugraben. Oder anzufassen.
Denn man soll die Toten schlafen lassen.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Kuttel-Daddeldu, S. 12 und 15, Kurt Wolff Verlag, München, 1924
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Seemannstreue“, Fassung 3.778.935 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.