Silvester
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
20 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1928
Daß bald das neue Jahr beginnt,Spür ich nicht im Geringsten.Ich merke nur: die Zeit verrinntGenau so wie zu Pfingsten,
Genau wie jährlich tausendmal.Doch Volk will Griff und Daten.Ich höre Rührung, Suff, Skandal,Ich speise Hasenbraten.
Mit Cumberland, und vis-à-visSitzt von den KrankenschwesternDie sinnlichste. Ich kenne sieGut, wenn auch erst seit gestern.
Champagner drängt, lügt und spricht wahr.Prosit, barmherzige Schwester!Auf! In mein Bett! Und prost Neujahr!Rasch! Prosit! Prost Silvester!
Die Zeit verrinnt. Die Spinne spinntIn heimlichen Geweben.Wenn heute nacht ein Jahr beginnt,Beginnt ein neues Leben.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Allerdings, S. 130, 1. Auflage, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1928
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Silvester (Joachim Ringelnatz)“, Fassung 3.026.770 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.