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Versbuch

Verlockung

Joachim Ringelnatz · 18831934

20 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1910

Ich sitze fast einsam im warmen Raum.Die graue Katze hat sich zu mir gesellt.Irgend jemand – ich sah es kaum –Hat mir den Wein auf den Tisch gestellt.

Ein schmeichelndes Fell streicht meine Hand,Die so verwöhnt in diesem Haus.Der Ampelschatten an der WandStreckt lange Spinnenbeine aus.

Aus trübem Glase blinzelt ein Licht.Es tickt die Uhr, verträumt, verjährt, – –Noch ist die schwüle Stunde nicht,Da hier die Freude schäumt und gährt.

Im Nebenraum erwachen weiche Lieder.Ich will von dieser Stimme heut nichts wissen,Und doch – – – Ich denke an verbuhlte Kissen,An weiße Spitzen, an ein schlankes Mieder.

Ich stehe, – gehe, – kämpfend, zweifelnd, – lauschend – –Vorbei! – – Und hinter mir rauscht die Portiére.Mit einem Duft von indisch süßer SchwereKüßt mich der Wollust holdes Gift berauschend.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 34, 1. Auflage, Hans Sachs-Verlag Schmidt-Bertsch & Haist, München, Leipzig, 1910
Digitalisat
de.wikisource.org — „Verlockung“, Fassung 2.543.485 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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