Nachtgalle
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
20 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1923
Weil meine beiden BeineErfolglos müde sind,Und weil ich gerade einsam bin,Wie ein hausierendes Streichholzkind,Setz ich mich in die Anlagen hinUnd weine.
Nun hab ich lange geweint.Es wird schon Nacht; und mir scheint,Der liebe Gott sei beschäftigt.Und das Leben ist – – alles, was es nur gibt:Wahn, Krautsalat, Kampf oder Seife.Ich erhebe mich leidlich gekräftigt.Ich weiß eine Zeitungsfrau, die mich liebt.Und ich pfeife.
Ein querendes Auto tutet. –Nicht Gold noch Stein waren echtAn dem Ring, den ich gestern gefunden. –Die nächtliche Straße blutetAus tausend Wunden.Und das ist so recht.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Turngedichte, Kurt Wolff Verlag, München, 1923
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Nachtgalle“, Fassung 3.779.738 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
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