Morsche Fäden
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
24 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1929
Zu einem TrödlerKam ein Greis mit einer sauernGurke,Sprach: „Ich bin ein GnadenbrötlerBei einem Bauern.Der ist ein Schurke.
Diese Gurke bringe ich aus Not.Kleine Knöpfe möchte ich dafür.Denn man kann sich nicht mit GnadenbrotKnöpfe kaufen für die Hosentür.“
Und der Trödlersmann verschmähteNicht die Gurke noch des Greises Wort,Denn der kam ihm sehr bedürftig vor,Sondern bückte sich und nähteHundert goldne Knöpfe ihm sofortEigenhändig an das Hosentor.
Und der Greis sprach: „Danke“ und verneigteSich und ging mit offnem HosenlatzSelig durch die Straßen, und er zeigteAllen Menschen seinen goldnen Schatz.
Bis ihn schließlich ein gewissesSchicksal in ein Irrenhaus berief,Ob Erregung öffentlichen Ärgernisses.Bis er Knöpfe schluckte und entschlief.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Flugzeuggedanken, 1. Auflage, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1929
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Morsche Fäden“, Fassung 3.779.360 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
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