Maiengruß an den Redakteur
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
33 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1928
MAIENGRUSS AN DEN REDAKTEUR
Frühlingszartes WohlbehagenSchwellt erfrorne Poesie.Maiberauscht im SpeisewagenBallt sich etwas wie Genie.
Weil Berlin voraus in Sicht ist,Und die Sonne mich bestrahlt.Und je länger ein Gedicht ist,Desto besser wird's bezahlt.
Darum: HundertzweiundneunzigTausend und fünfhundertzweiOder noch mehr Leute freun sich.Denn der Winter ist vorbei.
Elf Millionen zweimal hundertTausend siebenhundertzehnMenschen sind etwas verwundert,Weil kein Maikäfer zu sehn.
Sechs Billionen zwölf Milliarden –Schätzungsweise – fragen sich:Wo steckt Maximilian Harden.Nun, verflucht, was kümmert's mich.
Vier Trillionen neun BillionenZirka SiebenhundertelfMilliarden fünf MillionenAchtzehntausend hundertzwölf – –
Und ich könnte das erweiternBis in die Unendlichkeit,Doch ein Dichter tritt den heiternFrühlingszarten Mai nicht breit.
Sondern trinkt, sich selbst beschränkend,Maienbowle, Maienkraut,Seines Redakteurs gedenkend,Dem er voll und ganz vertraut.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Allerdings, S. 56–57, 1. Auflage, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1928
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Maiengruß an den Redakteur“, Fassung 3.026.799 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.