Guter Rausch
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
28 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1928 (EA 1927)
Denken wir jetzt nicht an den Halunken,Der betrügt, indem er sich besäuft,Auch nicht an den andern, der betrunkenSchimpft und androht oder Amok läuft,
Nicht an Witzler, nicht an Vielversprecher,Noch an den, der morgen früh bereut,Der am Tag vor Nacht- und Nacktheit scheut.Was ich meine, gilt für andere Zecher.
Ihrer denk ich. Nach dem sechsten Glase,Oder nach dem dritten oder zehnten,Kommen sie – nicht etwa in Ekstase –Sondern in den variiert ersehnten
Zustand, klar und dennoch mild zu sehn,Mild zu horchen auf die Andern, FremdenUnd wie Engel in schneeweißen HemdenSozusagen vor sich selbst zu stehn.
Manchmal schießen sie mit der PistoleDann in sich ein ewig tiefes Loch.Manchmal lächeln sie und trinken nochKognak, Zwetschenwasser, Sekt und Bowle.
Aber immer nehmen sie sich vielesVor und nehmen vieles still zurückUnd erkennen in Betreff des ZielesUnd der Zukunft ihren Weg zum Glück.
Und man wird um solch entrückte ZeitSie beneiden, und man wird sie lieben. –Wenn sie doch – zu frühem Tod bereit –Unverändert derart trunken blieben!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Reisebriefe eines Artisten, S. 31–32, 5.–9. Tausend, Ernst Rowohlt, Berlin, 1928 (EA 1927)
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Guter Rausch“, Fassung 1.103.044 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
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