Berlin, Dezember 1923
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
26 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1928 (EA 1927)
Guten Morgen, Liebling! Gestern nachtHat ein Kerl mich überfallen,Wollte mich niederknallen,Schrie: „Geld her!“ und schoß.Ich habe ihm fünf auf den Schädel gekracht:Hammer auf Am–bam–bam–bam–boß.Das hat mein Haustürschlüssel gemacht.
Und heute starb er im Lazarett.Was der wohl noch dachte – zuletzt – auf dem Sterbebett?
Und was soll ich denken?Welche Mächte die Kugeln lenken –Not und Irrtum – Notwehr und Reue –?Ob ich lache? Ob ich mich freue,Weil dieser Kerl danebengezieltMich Armen für einen Reichen hielt –?
Erfrorenes Vögelchen frühAuf meinem Fensterbrett. –Draußen: tut – kling – hottehüh! –
Der Großstadtverkehr. –Da kroch ich noch einmal ins Bett.Denn ich friere so sehr. –
Wenn ich ein Vöglein wär –Ja schön, aber kalt ist es hier …Und so lange getrennt zu sein …Erfrorenes Vögelein –Flög ich zu dir.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Reisebriefe eines Artisten, S. 74–75, 5.–9. Tausend, Ernst Rowohlt, Berlin, 1928 (EA 1927)
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Berlin, Dezember 1923“, Fassung 1.103.019 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
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