Bin wie ein Dieb durchs Fenster gestiegen
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
15 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1910
Sah das Mädchen in seiner JugendprachtNackt auf dem seidenen Bettchen liegen,Wie ein Wunder aus einer Zaubernacht.
Und sie schlief von kindlichen Träumen belogen,Die ein Lächeln auf ihre Lippen hauchten,Während die Sonnenstrahlen in flimmernden WogenSpielend ihr Kraushaar in goldene Lava tauchten.
Mir aber pochte das Herz und als ich verwegenÜber die schneeigen Glieder mich leise gebückt,Hat eine Rose verwelkt am Boden gelegen,Eine Knospe, die sie im Garten gepflückt.
Sah die welke Knospe am Boden liegen,Sah im Bettchen das süße, schlummernde Wesen. –Leise bin ich durchs Fenster zurückgestiegen.Und mir war, als hätt ich ein Märchen gelesen.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 19, 1. Auflage, Hans Sachs-Verlag Schmidt-Bertsch & Haist, München, Leipzig, 1910
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Bin wie ein Dieb durchs Fenster gestiegen“, Fassung 2.532.906 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
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