Der Schuft
Lili Grün · 1904–1942
42 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1930
VON LILY GRÜN
Jede Frau, die im Leben gefälltUnd die was auf ihre Vergangenheit hält,Hat irgendwann mal einen Schuft gehabt.Ich spreche hier nicht so überhaupt und allgemein,Daß jeder einzelne von ihnen ein Schwein ist — nein,Ich meine den, der ausgerechnet damals kam,Als man sich zum erstenmal das Leben nahm,Als man eben aufhören wollte zu existieren,Und gerade dabei war zu konstatieren,Daß auf dieser Welt alles dumm und verkehrt istUnd kein einziger Mensch etwas wert ist.Da kam er und war einfach unwiderstehlichUnd wir mußten langsam und allmählichUnd trotz enormem WiderstrebenWieder gerne leben!
Das dauerte so ein Jahr oder zweiUnd dann war eines Tages alles vorbei.Eines Morgens hatte er einfach genug,Ganz ohne Grund. Wir wurden niemals daraus klug.Bedenken Sie doch, Frauen wie wir es sind,Halb rührendes Weib, halb dämonisches Kind,Mit männlichem Geist und EhrgefühlUnd dazu noch wandelndes sex appeal,Konnte, durfte einer verlassen! —So einen Kerl kann man nur hassen!Aber selbst wenn wir mit Geist und PsychologieDies alles verstehn,Eins verstehn wir ja nie:Warum in wenigen Tagen, Wochen und StundenAlles, was nett und lieb war, verschwundenUnd was übrig blieb, war einzig und alleinEin ganz brutales, gemeines Schwein. —Das haben wir uns furchtbar zu Herzen genommenUnd sind dann darüber hinweggekommen.Sehen Sie, meine Herrschaften, das ist ein Schuft.Und eine Frau, die bereits dreißig vorbei,Wer, wo oder was sie auch sei,Und die sagt, sie habe niemals nie den leisesten Anflug von einem Schuft gehabt,Von dieser Frau behaupte ich glatt,Egal, wie sie aussieht, lacht oder spricht:Mit dieser Frau stimmt etwas nicht!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben, 35. Jg., H. 25 (1930), S. 394, Jugend, München, 1930
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Schuft“, Fassung 4.164.189 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Lili Grün starb 1942; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2012 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 126449090 der Deutschen Nationalbibliothek.
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