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Versbuch

Wolken

Georg Heym · 18871912

40 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1911

Der Toten Geister seid ihr, die zum Flusse,Zum überladnen Kahn der WesenlosenDer Bote führt. Euer Rufen hallt im TosenDes Sturms und in des Regens wildem Gusse.

Des Todes Banner wird im Zug getragen.Des Heers carroccio führt die Wappentiere.Und graunhaft weiß erglänzen die Paniere,Die mit dem Saum die Horizonte schlagen.

Es nahen Mönche, die in Händen bergenDie Totenlichter in den Prozessionen.Auf Toter Schultern morsche Särge thronen.Und Tote sitzen aufrecht in den Särgen.

Ertrunkene kommen. Ungeborner Leichen.Gehenkte blaugeschnürt. Die Hungers starbenAuf Meeres fernen Inseln. Denen NarbenDes schwarzen Todes umkränzen rings die Weichen.

Es kommen Kinder in dem Zug der Toten,Die eilend fliehn. Gelähmte vorwärts hasten.Der Blinden Stäbe nach dem Pfade tasten.Die Schatten folgen schreiend dem stummen Boten.

Wie sich in Windes Maul des Laubes TanzHindreht, wie Eulen auf dem schwarzen Flug,So wälzt sich schnell der ungeheure Zug,Rot überstrahlt von großer Fackeln Glanz.

Auf Schädeln trommeln laut die Musikanten,Und wie die weißen Segeln blähn und knattern,So blähn der Spieler Hemden sich und flattern.Es fallen ein im Chore die Verbannten.

Das Lied braust machtvoll hin in seiner Qual,Vor der die Herzen durch die Rippen glimmen.Da kommt ein Haufe mit verwesten Stimmen,Draus ragt ein hohes Kreuz zum Himmel fahl.

Der Kruzifixus ward einhergetragen.Da hob der Sturm sich in der Toten Volke.Vom Meere scholl und aus dem Schoß der WolkeEin nimmer endend grauenvolles Klagen.

Es wurde dunkel in den grauen Lüften.Es kam der Tod mit ungeheuren Schwingen.Es wurde Nacht, da noch die Wolken gingenDem Orkus zu, den ungeheuren Grüften.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Der ewige Tag. S. 32-33, 1. Auflage, Rowohlt, Leipzig, 1911
Digitalisat
de.wikisource.org — „Wolken“, Fassung 2.381.667 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Georg Heym starb 1912; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1982 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118550683 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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