Chamounix beym Sonnenaufgange
Friederike Brun · 1765–1835
24 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1795
(Im Mai 1791)
La Terra, il Mare, le SfereParlan del tuo potere
METASTASIO
Aus tiefem Schatten des schweigenden TannenhainsErblick’ ich bebend dich, Scheitel der Ewigkeit,Blendender Gipfel, von dessen HöheAhndend mein Geist ins Unendliche schwebet!
Wer senkte den Pfeiler tief in der Erde Schooß,Der, seit Jahrtausenden, fest deine Masse stützt?Wer thürmte hoch in des Aethers WölbungMächtig und kühn dein umstrahltes Antlitz?
Wer goß euch hoch aus des ewigen Winters Reich,O Zackenströme, mit Donnergetös’ herab?Und wer gebietet laut mit der Allmacht Stimme:“Hier sollen ruhen die starrenden Wogen!“
Wer zeichnet dort dem Morgensterne die Bahn,Wer kränzt mit Blüthen des ewigen Frostes Saum?Wem tönt in schrecklichen Harmonieen,Wilder Arveiron, dein Wogengetümmel?
Jehovah! Jehovah! kracht’s im berstenden Eis;Lavinendonner rollen’s die Kluft hinab;Jehovah! rauscht’s in den hellen Wipfeln,Flüstert’s an rieselnden Silberbächen.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 1–3, Orell, Geßner, Füßli & Comp., Zürich, 1795
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Chamounix beym Sonnenaufgange“, Fassung 1.101.457 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Friederike Brun starb 1835; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1905 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118516051 der Deutschen Nationalbibliothek.
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