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Versbuch

Der Reisekoffer

Frank Wedekind · 18641918

46 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1905

Bei Tafel saßen in bunter Reih’,Damen und Herren; auch saß dabeiEin junger Mann von blassem Gesicht,In Haltung und Ausdruck ernst und schlicht,Durchaus bescheiden, zwar etwas gefräßig,Aber schweigsam verhältnismäßig.

Und wie ein Bach in der Sonne BlinkenGlitt das Gespräch zwischen Scherzen und Trinken.Man sprach über dieses, man sprach über jenes,Man sprach über Nützliches, über Schönes,Und kam über Unfälle und VerbrechenSchließlich auf Reisekoffer zu sprechen.

Da waren nun, wie das so geht hienieden,Urteil und Ansichten sehr verschieden;Die Damen lobten die großen, schweren,Bequem zu packen und rasch zu leeren,Ohne daß dabei die ToiletteJemals Schaden genommen hätte.

Den Herren hingegen wollte es scheinen,Angenehmer wären die kleinen,Die leichten, zusammengeklappten Dinger;Man könne sie heben mit einem Finger –Unser Jüngling in guter Ruh’Kaut seinen Bissen und schweigt dazu.

Und wie im Schilfe der schaukelnde NachenGlitt das Gespräch zwischen Scherzen und LachenVon Reisekoffern auf ferne GefildeIm schönen Italien, auf KunstgebildeUnd dann auf das Glück, auf das Glücklicherscheinen,Sowie auf die Liebe im allgemeinen.

Unser Jüngling kaut wacker fort,Hört von dem allen kein Sterbenswort;Seine Gedanken, begreiflicherweiseDämmern so weiter im alten Gleise.Und wie er sich abmüht mit düstrer Stirn,Löst sich ein Etwas in seinem Hirn,Und klettert herab, und erreicht seine Zung’,Und wird nun allmälig zur Äußerung.Und er tut den Mund auf, er winkt mit der Hand –Die Damen im Kreise lauschen gespannt,Die Herren verstummen von ReminiscenzenAus schwülen Garderoben mit welkenden Kränzen;Alles starrt in verhaltenem Grimme,Und er flötet mit süß melodischer Stimme,Und dabei leuchtet sein Antlitz hell:„Ich habe einen von Seehundsfell.“

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Die vier Jahreszeiten, 1. Auflage, Albert Langen, Verlag für Litteratur und Kunst, München, 1905
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der Reisekoffer“, Fassung 3.780.037 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Frank Wedekind starb 1918; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1988 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118629867 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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