Michel Angelo
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
24 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1882
In der Sistine dämmerhohem Raum,Das Bibelbuch in seiner nerv’gen Hand,Sitzt Michel Angelo in wachem Traum,Umhellt von einer kleinen Ampel Brand.
Laut spricht hinein er in die Mitternacht,Als lauscht’ ein Gast ihm gegenüber hier,Bald wie mit einer allgewalt’gen Macht,Bald wieder wie mit Seinesgleichen schier:
„Umfaßt, umgrenzt hab’ ich Dich, ewig Sein,Mit meinen großen Linien fünfmal dort!Ich hüllte Dich in lichte Mäntel einUnd gab dir Leib, wie dieses Bibelwort.
Mit wehn’den Haaren stürmst Du feurig wildVon Sonnen immer neuen Sonnen zu,Für Deinen Menschen bist in meinem BildEntgegenschwebend und barmherzig Du!
So schuf ich Dich mit meiner nicht’gen Kraft:Damit ich nicht der größre Künstler sei,Schaff mich – ich bin ein Knecht der Leidenschaft –Nach Deinem Bilde schaff mich rein und frei!
Den ersten Menschen formtest Du aus Thon,Ich werde schon von härterm Stoffe sein,Da, Meister, brauchst Du deinen Hammer schon,Bildhauer Gott, schlag zu! Ich bin der Stein.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 298, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Michel Angelo“, Fassung 2.085.819 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
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