Im Wagen durch den Englischen Garten fahrend
Alfred Henschke · 1890–1928
22 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 18. August 1925
von KlabundFür Carla
Im Wagen durch den Englischen Garten fahrend,Nachts, roter Mond über dem Kleinhesseloher See,Nebel über den Wiesen, Dämmerung vor meiner Seele –Mir ist so schwach in den Knien vor Sehnsucht nach Dir.
Der Kutscher schläft. Das Pferd läuft im Halbschlaf.Gott schläft. Die Erde rollt ziellos durch den Raum.Ich bin überwach. Ich komme von Dir. Ich fahre zu Dir.Alle Wege führen mich an Deine Brust.
Seit Wochen lasse ich Dutzende von Briefen uneröffnet liegen.Ich gehe nicht unter die Menschen. Sie sind mir widerlich.Mit einem kleinen Hund, einem melancholischen Rehpinscher, gehe ich gern spazierenOder mit Dir.
In dieser regnerischen kalten EinsamkeitDes tristen Sommers an mich hingewehtWie ein Leuchtkäfer auf einen Grashalm –Ich spüre, daß ein Herz an meinem schlägt.
Dein Mund springt manchmal auf wie eine rote, reife Feige.Nachts, roter Mond über dem Kleinhesseloher See,Im Wagen durch den Englischen Garten fahrend,Hinter den Schläfen donnert der Niagara meiner Sehnsucht.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Die Weltbühne. 21. Jahrgang 1925, Nummer 33, Seite 265., Verlag der Weltbühne, Berlin, 18. August 1925
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Im Wagen durch den Englischen Garten fahrend“, Fassung 1.103.366 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Alfred Henschke starb 1928; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1998 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 1182379923 der Deutschen Nationalbibliothek.
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