Zum Inhalt springen
Versbuch

Heimkehr

Alfred Henschke · 18901928

57 Zeilen in 12 Strophen · zuerst gedruckt 1927

Ich bin geboren in einem Wäschekorb,aufgewachsen in einem kleinen grünen Garten.Fünf Meter lang, fünf Meter breit –mein Sarg wird wohl noch enger sein.

Kohlrabi, Apfelreis, Radieschen,waren meine Lieblingsspeisen.Das Mädchen, das mich wartete, hieß Berta Jaensch.In den Johannisbeersträuchern am Gartenrandlebten gute Gnomen und böse Echsen.

Fünfzehn Jahre war ich, da ich von Hause wegging.Hochtrabend trabte ich zu Roß aus dem Glog’schen Tor.Dreiunddreißig Jahre bin ich, da ich nach Hause zurückkehreauf einem knatternden Motorrad.

Die alte hölzerne Zugbrücke ist niedergerissen.Jetzt bezwingen die Oder Eisen und Beton.Nur der Fluß darunter, er fließt wie vor tausend Jahrenso auch heute.

Ich gehe durch die Gassen und niemand kennt mich.Ich trage Knickerbocker und man hält michfür einen reisenden Engländer.An der Schmiede, wo ich als Kind ins lohende Feuer sah,bleibe ich stehn und starre in Asche und Ruß.

Oben auf dem Bergfriedhof bin ich nicht allein.Hier liegen viele, die ich einst gekannt habe.Der alte Professor,bei dem ich lateinischen Nachhilfeunterricht hatte,und mein kleiner Bruder.

Jetzt stehe ich am Grabmal eines Generals,der unter Friedrich dem Großen focht.Seinen Namen verwitterte das Gestein.Was wollte er, was konnte er?Niemand weiß es.

Er führte in der Schlacht von Kunersdorfein Grenadierregiment – und? –Schritt mit dem Degen in der Faust voran. – Seine Pflicht. –Er hatte außer dem preußischen Exerzierreglementnie ein Buch gelesen, und war stolz darauf. –

Wir haben alle Bücher gelesen und keine Schlacht geschlagen.Es ist eines so wenig wert als das andere.Einmal werden vor meinem Grab die Leute stehn.Was wollte er, was konnte er?Niemand weiß es.

Hoppla, Bruder, steh auf,du hast schon lange genug geschlafen.Jetzt bin ich an der Reihe.Da hast du meinen Stock, Esche, Natur, ungebeizt, Hornspitze.Geh an meiner Stelle hinunter in die Stadt.

Es dämmert. Ehe die erste Gaslaterne aufflammt,wirst du am Marktplatz sein.Dort steht die Königl. Preußische Adlerapotheke.Bringe Vater und Mutter einen Gruß von mir.

Sag ihnen, ich hätte mich zur ewigen Ruh begebenund mich lebendig begraben.Drei Hände Erde auf mein Grab,drei Seufzer, drei Tränen und damit basta.Bitte, Vater, laß dich in der sachgemäßen Herstellungvon Dr. A. Henschkes Restitutionsfluid nicht stören.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Die Harfenjule S. 62-63, 1. Auflage, Die Schmiede, Berlin, 1927
Digitalisat
de.wikisource.org — „Heimkehr (Klabund)“, Fassung 3.512.942 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Alfred Henschke starb 1928; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1998 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 1182379923 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Alfred Henschke

Alle Gedichte von Alfred Henschke ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Moderne und Expressionismus

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.