Die Mondsüchtige
Alfred Henschke · 1890–1928
24 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1927
Wandelnd auf des Daches First,auf der Mauer schmalem Rande,schreitet sie, die Hohe, Milde,in des Mondes sanftem Licht.
Wie Musik ertönt ihr Schweben,ihre Füße gleiten gläsern.Ihre Hände klingen leise,ihre Augen sind geschlossen.
Hinter ihr der treue Dienerachtet ihrer Schritte, daß sieüber einen Strahl nicht strauchle,sorglich hütet sie: ihr Schatten.
Gottgeheimnis, Götzenzauber,weiße Statue der Sehnsuchtschreitet sie: ich streck’ vergeblichmeine Hände nach ihr aus.
O wie halt ich die Entschreitende,o wie bann ich die Entgleitende,aber ruf’ ich: stürzt sie nieder.Aber schrei ich: ists ihr Tod.
Und so schreitet sie vorüber,ist auf ewig mir verloren.Eine Wolke löscht den Mond aus.Einsam stehe ich im Dunkeln.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Die Harfenjule S. 46, 1. Auflage, Die Schmiede, Berlin, 1927
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Mondsüchtige“, Fassung 3.540.836 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Alfred Henschke starb 1928; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1998 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 1182379923 der Deutschen Nationalbibliothek.
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