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Versbuch

Die Ballade des Vergessens

Alfred Henschke · 18901928

112 Zeilen in 14 Strophen · zuerst gedruckt 1927

In den Lüften schreien die Geier schon,lüstern nach neuem Aase.Es hebt so mancher die Leier schonbeim freibiergefüllten Glase,zu schlagen siegreich den alt bösen Feind,tät er den Humpen pressen …Habt ihr die Tränen, die ihr geweint,vergessen, vergessen, vergessen?

Habt ihr vergessen, was man euch tat,des Mordes Dengeln und Mähen?Es läßt sich bei Gott der Geschichte Rad,beim Teufel nicht rückwärts drehen.Der Feldherr, der Krieg und Nerven verlor,er trägt noch immer die Tressen.Seine Niederlage erstrahlt in Glorund Glanz: Ihr habt sie vergessen.

Vergaßt ihr die gute alte Zeit,die schlechteste je im Lande?Euer Herrscher hieß Narr, seine Tochter Leid,die Hofherren Feigheit und Schande.Er führte euch in den Untergangmit heitern Mienen, mit kessen.Längst habt ihr’s bei Wein, Weib und Gesangvergessen, vergessen, vergessen.

Wir haben Gott und Vaterlandmit geifernden Mäulern geschändet,wir haben mit unsrer dreckigen HandHemd und Meinung gewendet.Es galt kein Wort mehr ehrlich und klar,nur Lügen unermessen …Wir hatten die Wahrheit so ganz und garvergessen, vergessen, vergessen.

Millionen krepierten in diesem Krieg,den nur ein paar Dutzend gewannen.Sie schlichen nach ihrem teuflischen Siegmit vollen Säcken von dannen.Im Hauptquartier bei Wein und Sekttät mancher sein Liebchen pressen.An der Front lag der Kerl, verlaust und verdrecktund vergessen, vergessen, vergessen.

Es blühte noch nach dem Kriege der Mord,es war eine Lust, zu knallen.Es zeigte in diesem traurigen Sportsich Deutschland über Allen.Ein jeder Schurke hielt Gericht,die Erde mit Blut zu nässen.Deutschland, du sollst die Ermordeten nichtund nicht die Mörder vergessen!

O Mutter, du opfertest deinen SohnArmeebefehlen und Ordern.Er wird dich einst an Gottes Thronstürmisch zur Rechenschaft fordern.Dein Sohn, der im Graben, im Grabe schrienach dir, von Würmern zerfressen …Mutter, Mutter, du solltest es nievergessen, vergessen, vergessen!

Ihr heult von Kriegs- und Friedensschuld - hei:der Andern - Ihr wollt euch rächen:Habt ihr den frechen Mut, euch freivon Schuld und Sühne zu sprechen?Sieh deine Fratze im Spiegel hiervon Haß und Raffgier besessen:Du hast, war je eine Seele in dir,sie vergessen, vergessen, vergessen.

Einst war der Krieg noch ritterlich,als Friedrich die Seinen führte,in der Faust die Fahne - nach Schweden nicht schlichund nicht nach Holland ’chapierte.Einst galt noch im Kampfe Kopf gegen Kopfund Mann gegen Mann - indessenheut drückt der Chemiker auf den Knopf,und der Held ist vergessen, vergessen.

Der neue Krieg kommt anders daher,als ihr ihn euch geträumt noch.Er kommt nicht mit Säbel und Gewehr,zu heldischer Geste gebäumt noch:er kommt mit Gift und Gasen geballt,gebraut in des Teufels Essen.Ihr werdet, ihr werdet ihn nicht so baldvergessen, vergessen, vergessen.

Ihr Trommler, trommelt, Trompeter, blast:keine Parteien gibts mehr, nur noch Leichen!Berlin, Paris und München vergast,darüber die Geier streichen.Und wer die Lanze zum Himmel streckt,sich mit wehenden Winden zu messen -der ist in einer Sekunde verrecktund vergessen, vergessen, vergessen.

Es fiel kein Schuß. Steif sitzen und totKanoniere auf der Lafette.Es liegen die Weiber im Morgenrot,die Kinder krepiert im Bette.Am Potsdamer Platz Gesang und Applaus:Freiwillige Bayern und Hessen …ein gelber Wind - das Lied ist ausund auf ewige Zeiten vergessen.

Ihr kämpft mit Dämonen, die keiner sieht,vor Bazillen gelten nicht Helden,es wird kein Nibelungenliedvon eurem Untergang melden.Zu spät ist’s dann, von der Erde zu fliehnmit etwa himmlischen Pässen.Gott hat euch aus seinem Munde gespienund vergessen, vergessen, vergessen.

Ihr hetzt zum Krieg, zum frischfröhlichen Krieg,und treibt die Toren zu Paaren.Ihr werdet nur einen einzigen Sieg:den Sieg des Todes gewahren.Die euch gerufen zur Vernunft,sie schmachten in den Verlässen:Christ wird sie bei seiner Wiederkunftnicht vergessen, vergessen, vergessen.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Die Harfenjule S. 33-36, 1. Auflage, Die Schmiede, Berlin, 1927
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die Ballade des Vergessens“, Fassung 3.476.142 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Alfred Henschke starb 1928; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1998 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 1182379923 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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