Weihnachtsabend
Theodor Storm · 1817–1888
25 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1889
1852.
Die fremde Stadt durchschritt ich sorgenvoll,Der Kinder denkend, die ich ließ zu Haus.Weihnachten war’s; durch alle Gassen schollDer Kinderjubel und des Markts Gebraus.
Und wie der Menschenstrom mich fortgespült,Drang mir ein heiser’ Stimmlein in das Ohr:„Kauft, lieber Herr!“ Ein magres Händchen hieltFeilbietend mir ein ärmlich Spielzeug vor.
Ich schrak empor; und beim LaternenscheinSah ich ein bleiches Kinderangesicht;Weß Alters und Geschlechts es mochte sein,Erkannt’ ich im Vorübertreiben nicht.
Nur von dem Treppenstein, darauf es saß,Noch immer hört’ ich, mühsam, wie es schien:„Kauft, lieber Herr!“ den Ruf ohn’ Unterlaß;Doch hat wohl Keiner ihm Gehör verliehn.
Und ich? – War’s Ungeschick, war es die Scham,Am Weg zu handeln mit dem Bettelkind?Eh’ meine Hand zu meiner Börse kam,Verscholl das Stimmlein hinter mir im Wind.
Doch als ich endlich war mit mir allein,Erfaßte mich die Angst im Herzen so,Als säß’ mein eigen Kind auf jenem Stein,Und schrie nach Brod, indessen ich entfloh.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 117-118, 8. Auflage, Verlag der Gebrüder Paetel, Berlin, 1889
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Weihnachtsabend (Storm 1852)“, Fassung 4.346.070 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Theodor Storm starb 1888; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1958 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118618725 der Deutschen Nationalbibliothek.
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