Menschen bei Nacht
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
19 Zeilen in 2 Strophen · zuerst gedruckt 1906
Die Nächte sind nicht für die Menge gemacht.Von deinem Nachbar trennt dich die Nachtund du sollst ihn nicht suchen trotzdem.Und machst du nachts deine Stube licht,um Menschen zu schauen ins Angesicht,so mußt du bedenken: wem.
Die Menschen sind furchtbar vom Licht entstellt,das von ihren Gesichtern träuft,und haben sie nachts sich zusammengesellt,so schaust du eine wankende Weltdurcheinandergehäuft.Auf ihren Stirnen hat gelber Scheinalle Gedanken verdrängt,in ihren Blicken flackert der Wein,an ihren Händen hängtdie schwere Gebärde, mit der sie sichbei ihren Gesprächen verstehn;und dabei sagen sie: Ich und Ichund meinen: Irgendwen.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Das Buch der Bilder 1. Buch Teil 2, S. 39, Zweite sehr vermehrte Auflage, Axel Junker Verlag, Berlin / Leipzig, Stuttgart, 1906
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Menschen bei Nacht“, Fassung 2.353.115 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
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