Martyrinnen
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
36 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1906
Martyrin ist sie. Und als harten Fallsmit einem Ruckdas Beil durch ihre kurze Jugend ging,da legte sich der feine rothe Ringum ihren Hals, und war der erste Schmuck,den sie mit einem fremden Lächeln nahm;aber auch den erträgt sie nur mit Scham.Und wenn sie schläft, muß ihre junge Schwester(die, kindisch noch, sich mit der Wunde schmücktvon jenem Stein, der ihr die Stirn erdrückt,)die harten Arme um den Hals ihr halten,und oft im Traume fleht die andre: Fester, fester.Und da fällt es dem Kinde manchmal ein,die Stirne mit dem Bild von jenem Steinzu bergen in des sanften Nachtgewandes Falten,das von der Schwester Atmen hell sich hebt,voll wie ein Segel, das vom Winde lebt.
Das ist die Stunde, da sie heilig sind,die stille Jungfrau und das blasse Kind.
Da sind sie wieder wie vor allem Leideund schlafen arm und haben keinen Ruhm,und ihre Seelen sind wie weiße Seide,und von derselben Sehnsucht beben beideund fürchten sich vor ihrem Heldentum.Und du kannst meinen: Wenn sie aus den Bettenaufstünden bei dem nächsten Morgenlichteund, mit demselben träumenden Gesichte,die Gassen kämen in den kleinen Städten, –es bliebe keiner hinter ihnen staunen,kein Fenster klirrte an den Häuserreihn,und nirgends bei den Frauen ging ein Raunen,und keines von den Kindern würde schrein.Sie schritten durch die Stille in den Hemden(die flachen Falten geben keinen Glanz)so fremd und dennoch keinem zum Befremden,so wie zu Festen, aber ohne Kranz.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Das Buch der Bilder 1. Buch Teil 1, S. 24–25, Zweite sehr vermehrte Auflage, Axel Junker Verlag, Berlin / Leipzig, Stuttgart, 1906
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Martyrinnen“, Fassung 2.353.113 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
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