Quai du Rosaire
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
21 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1907
BRÜGGE
Die Gassen haben einen sachten Gang(wie manchmal Menschen gehen im Genesennachdenkend: was ist früher hier gewesen?)und die an Plätze kommen warten lang
auf eine andre, die mit einem Schrittüber das abendklare Wasser tritt,darin, je mehr sich rings die Dinge mildern,die eingehängte Welt von Spiegelbildernso wirklich wird wie diese Dinge nie.
Verging nicht diese Stadt? Nun siehst du, wie(nach einem unbegreiflichen Gesetz)sie wach und deutlich wird im Umgestellten,als wäre dort das Leben nicht so selten;dort hängen jetzt die Gärten groß und gelten,dort dreht sich plötzlich hinter schnell erhelltenFenstern der Tanz in den Estaminets.
Und oben blieb? — Die Stille nur, ich glaube,und kostet langsam und von nichts gedrängtBeere um Beere aus der süßen Traubedes Glockenspiels das in den Himmeln hängt.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Neue Gedichte, S. 78, 1. Auflage, Insel-Verlag, Leipzig, 1907
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Quai du Rosaire“, Fassung 3.780.709 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.