Esther
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
30 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1918
Die Dienerinnen kämmten sieben Tagedie Asche ihres Grams und ihrer PlageNeige und Niederschlag aus ihrem Haar,und trugen es und sonnten es im Freienund speisten es mit reinen Spezereiennoch diesen Tag und den: dann aber war
die Zeit gekommen, da sie ungeboten,zu keiner Frist, wie eine von den Totenden drohend offenen Palast betrat,um gleich, gelegt auf ihre Kammerfrauen,am Ende ihres Weges den zu schauen,an dem man stirbt, wenn man ihm naht.
Er glänzte so, daß sie die Kronrubineaufflammen fühlte, die sie an sich trug;sie füllte sich ganz rasch mit seiner Mienewie ein Gefäß und war schon voll genug
und floß schon über von des Königs Macht,bevor sie noch den dritten Saal durchschritt,der sie mit seiner Wände Malachitgrün überlief. Sie hatte nicht gedacht,
so langen Gang zu tun mit allen Steinen,die schwerer wurden von des Königs Scheinenund kalt von ihrer Angst. Sie ging und ging.
Und als sie endlich fast von nahe ihn,aufruhend auf dem Thron von Turmalin,sich türmen sah, so wirklich wie ein Ding:
empfing die rechte von den Dienerinnendie Schwindende und hielt sie zu dem Sitze.Er rührte sie mit seines Zepters Spitze;und sie begriff es ohne Sinne, innen.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Der neuen Gedichte anderer Teil, S. 20-21, Insel-Verlag, Leipzig, 1918
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Esther“, Fassung 2.629.837 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.