Abisag
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
32 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1907
I
Sie lag. Und ihre Kinderarme warenvon Dienern um den Welkenden gebunden,auf dem sie lag die süßen langen Stunden,ein wenig bang vor seinen vielen Jahren.
Und manchmal wandte sie in seinem Barteihr Angesicht, wenn eine Eule schrie;und alles was die Nacht war kam und schartemit Bangen und Verlangen sich um sie.
Die Sterne zitterten wie ihresgleichen,der Duft ging suchend durch das Schlafgemach,der Vorhang rührte sich und gab ein Zeichenund leise ging ihr Blick dem Zeichen nach.
Aber sie hielt sich an dem dunkeln Altenund, von der Nacht der Nächte nicht erreicht,lag sie auf seinem fürstlichen Erkaltenjungfräulich und wie eine Seele leicht.
II
Der König saß und sann den leeren Taggetaner Taten, ungefühlter Lüsteund seiner Lieblingshündin, der er pflag —.Aber am Abend wölbte Abisagsich über ihm. Sein wirres Leben lagverlassen wie verrufne Meeresküsteunter dem Sternbild ihrer stillen Brüste.
Und manchmal, als ein Kundiger der Frauen,erkannte er durch seine Augenbrauenden unbewegten, küsselosen Mund;und sah: ihres Gefühles grüne Ruteneigte sich nicht herab zu seinem Grund.Ihn fröstelte. Er horchte wie ein Hundund suchte sich in seinem letzten Blute.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Neue Gedichte, S. 10, 1. Auflage, Insel-Verlag, Leipzig, 1907
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Abisag“, Fassung 3.780.434 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
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