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Versbuch

Hetären-Gräber

Rainer Maria Rilke · 18751926

53 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1907

In ihren langen Haaren liegen siemit braunen, tief in sich gegangenen Gesichtern.Die Augen zu wie vor zu vieler Ferne.Skelette, Munde, Blumen. In den Mundendie glatten Zähne wie ein Reiseschachspielaus Elfenbein in Reihen aufgestellt.Und Blumen, gelbe Perlen, schlanke Knochen,Hände und Hemden, welkende Gewebeüber dem eingestürzten Herzen. Aberdort unter jenen Ringen, Talismanenund augenblauen Steinen (Lieblings-Angedenken)steht noch die stille Krypta des Geschlechtes,bis an die Wölbung voll mit Blumenblättern.Und wieder gelbe Perlen, weitverrollte, —Schalen gebrannten Tones, deren Bugihr eignes Bild geziert hat, grüne Scherbenvon Salben-Vasen, die wie Blumen duften,und Formen kleiner Götter: Hausaltäre,Hetärenhimmel mit entzückten Göttern.Gesprengte Gürtel, flache Skarabäen,kleine Figuren riesigen Geschlechtes,ein Mund der lacht und Tanzende und Läufer,goldene Fibeln, kleinen Bogen ähnlichzur Jagd auf Tier- und Vogelamulette,und lange Nadeln, zieres Hausgeräteund eine runde Scherbe roten Grundesdarauf, wie eines Eingangs schwarze Aufschrift,die straffen Beine eines Viergespannes.Und wieder Blumen, Perlen, die verrollt sind,die hellen Lenden einer kleinen Leier,und zwischen Schleiern, die gleich Nebeln fallen,wie ausgekrochen aus des Schuhes Puppe:des Fußgelenkes leichter Schmetterling.

So liegen sie mit Dingen angefüllt,kostbaren Dingen, Steinen, Spielzeug, Hausrat,zerschlagnem Tand (was alles in sie abfiel)und dunkeln wie der Grund von einem Fluß.

Flußbetten waren sie,darüber hin in kurzen schnellen Wellen(die weiter wollten zu dem nächsten Leben)die Leiber vieler Jünglinge sich stürztenund in denen der Männer Ströme rauschten.Und manchmal brachen Knaben aus den Bergender Kindheit, kamen zagen Falles niederund spielten mit den Dingen auf dem Grunde,bis das Gefälle ihr Gefühl ergriff:

Dann füllten sie mit flachem klaren Wasserdie ganze Breite dieses breiten Wegesund trieben Wirbel an den tiefen Stellen;und spiegelten zum erstenmal die Uferund ferne Vogelrufe, während hochdie Sternennächte eines süßen Landesin Himmel wuchsen, die sich nirgends schlossen.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Neue Gedichte, S. 85, 1. Auflage, Insel-Verlag, Leipzig, 1907
Digitalisat
de.wikisource.org — „Hetären-Gräber“, Fassung 3.780.389 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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