Der Balkon
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
26 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1918
NEAPEL
Von der Enge, oben, des Balkonesangeordnet wie von einem Malerund gebunden wie zu einem Straußalternder Gesichter und ovaler,klar im Abend, sehn sie idealer,rührender und wie für immer aus.
Diese aneinander angelehntenSchwestern, die, als ob sie sich von weitohne Aussicht nacheinander sehnten,lehnen, Einsamkeit an Einsamkeit;
und der Bruder mit dem feierlichenSchweigen, zugeschlossen, voll Geschick,doch von einem sanften Augenblickmit der Mutter unbemerkt verglichen;
und dazwischen, abgelebt und länglich,längst mit keinem mehr verwandt,einer Greisin Maske, unzugänglich,wie im Fallen von der einen Hand
aufgehalten, während eine zweitewelkere, als ob sie weitergleite,unten vor den Kleidern hängt zur Seite
von dem Kinder-Angesicht,das das Letzte ist, versucht, verblichen,von den Stäben wieder durchgestrichenwie noch unbestimmbar, wie noch nicht.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Der neuen Gedichte anderer Teil, S. 56–57, Insel-Verlag, Leipzig, 1918
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Balkon (Rilke)“, Fassung 2.911.982 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.