Der Auszug des verlorenen Sohnes
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
27 Zeilen in 3 Strophen · zuerst gedruckt 1907
Nun fortzugehn von alledem Verworrnendas unser ist und uns doch nicht gehört,das, wie das Wasser in den alten Bornenuns zitternd spiegelt und das Bild zerstört;von allem diesen, das sich wie mit Dornennoch einmal an uns anhängt — fortzugehnund Das und Dendie man schon nicht mehr sah(so täglich waren sie und so gewöhnlich)auf einmal anzuschauen: sanft, versöhnlichund wie an einem Anfang und von nahund ahnend einzusehn, wie unpersönlich,wie über alle hin das Leid geschahvon dem die Kindheit voll war bis zum Rand —:Und dann doch fortzugehen, Hand aus Handals ob man ein Geheiltes neu zerrisse,und fortzugehn: wohin? Ins Ungewisseweit in ein unverwandtes warmes Land,das hinter allem Handeln wie Kulissegleichgültig sein wird: Garten oder Wand;und fortzugehn: warum? Aus Drang, aus Artung,aus Ungeduld, aus dunkler Erwartung,aus Unverständlichkeit und Unverstand:
Dies alles auf sich nehmen und vergebensvielleicht Gehaltnes fallen lassen, umallein zu sterben, wissend nicht warum —
Ist das der Eingang eines neuen Lebens?
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Neue Gedichte, S. 17, 1. Auflage, Insel-Verlag, Leipzig, 1907
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Auszug des verlorenen Sohnes (Neue Gedichte)“, Fassung 2.911.869 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
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