Absaloms Abfall
Rainer Maria Rilke · 1875–1926
42 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1918
Sie hoben sie mit Geblitz:der Sturm aus den Hörnern schwellteseidene, breitgewellteFahnen. Der herrlich Erhelltenahm im hochoffenen Zelte,das jauchzendes Volk umstellte,zehn Frauen in Besitz,
die (gewohnt an des alternden Fürstensparsame Nacht und Tat)unter seinem Dürstenwogten wie Sommersaat.
Dann trat er heraus zum Rate,wie vermindert um nichts,und jeder, der ihm nahte,erblindete seines Lichts.
So zog er auch den Heerenvoran wie ein Stern dem Jahr;über allen Speerenwehte sein warmes Haar,das der Helm nicht faßteund das er manchmal haßte,weil es schwerer warals seine reichsten Kleider.
Der König hatte geboten,daß man den Schönen schone.Doch man sah ihn ohneHelm an den bedrohtenOrten die ärgsten Knotenzu roten Stücken von Totenauseinanderhaun.Dann wußte lange keinervon ihm, bis plötzlich einerschrie: Er hängt dort hintenan den Terebinthenmit hochgezogenen Braun.
Das war genug des Winks.Joab, wie ein Jäger,erspähte das Haar —: ein schrägergedrehter Ast: da hings.Er durchrannte den schlanken Kläger,und seine Waffenträgerdurchbohrten ihn rechts und links.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Der neuen Gedichte anderer Teil, S. 18, Insel-Verlag, Leipzig, 1918
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Absaloms Abfall“, Fassung 2.629.814 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rainer Maria Rilke starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601024 der Deutschen Nationalbibliothek.
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