Capriccio
Paul Boldt · 1885–1921
44 Zeilen in 11 Strophen · zuerst gedruckt 1914
Entlaubte Parke liegen treu wie DoggenHinter den Herrenhäusern, um zu wachen.Schneestürme weiden, eine Herde Bachen.Oft sind die Rehe auf dem jungen Roggen.
Und eine Wolke droht den Mond zu schänden.Die Nacht hockt auf dem Park, der stärker rauscht.Zwei alte Tannen winken, aufgebauscht,Geheimnisvoll mit den harzigen Händen.
Die Toten sitzen in den nassen Nischen.Auf einem Kirchenschlüssel bläst der eine,Und alle lauschen, überkreuzte Beine,Die Knochenhände eingeklemmt dazwischen.
Am großen, kalten Winterhimmel drohnVier Wolken, welche Pferdeschädeln gleichen.Der Winde Brut pfeift in den hellen Eichen,Daraus der gelbe Geier Mond geflohn.
Der Tod im Garten tritt jetzt aus dem SchattenDer Tannen. Rasch. Das Schneelicht spritzt und glänzt.Der Schrecken flattert breit um das Gespenst,Das seinen Weg nimmt quer durch die Rabatten.
Zum Schloß. — Dort ruft man: „Prosit Neujahr! Prost!“Zu zwölfen sind sie, der Apostel Schar,Und mit Champagner taufen sie das Jahr,Umstellt vom Sturm, der auf den Dächern tost.
Armleuchter flacken. Dampf von heißem Punsch.Der Hitze Salven krachen vom Kamin.Geruch der Weiber — Trimethylamin,Die Bäuche schwitzen in der großen Brunst.
Jetzt stehn sie auf. Das Stühlerücken schurrt.Der Tod im Flur ist nicht gewohnt die Speisen.Er hebt den Kopf gegen das kalte EisenDer Schlüsseltülle, schnuppert gierig, knurrt.
Kommt jemand? Still. Er hupft unter die Treppe.An einem Fräulein zerrt ein Kavalier.Der Tod schleicht hinterher, ein fletschend TierAus Mond; das trägt der Dame Schleppe.
Sie kommen an die Gruft —: „Hier sind wir sicher!“— „Ich fürchte mich, oh, sind die Bäume groß!“Der Tod schupst sie — kein Schrei, sie quieken bloß —Und läuft hinweg mit heftigem Gekicher. — —
Es dämmert endlich. Mit Blutaugen stiertDer Morgen hin. Im Saal zappelt ein Märchen.Der Tod wühlt in den fetten, welken Pärchen,Frißt sie wie Trüffeln, die ein Schwein aufspürt.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Junge Pferde! Junge Pferde! S. 14–15, 1. Auflage, Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1914
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Capriccio“, Fassung 1.096.752 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Paul Boldt starb 1921; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1991 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118661175 der Deutschen Nationalbibliothek.
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