Jahreswechsel
Louise Otto-Peters · 1819–1895
48 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1893
Wenn hoch vom Turm die Glocken klingen,In mitternächtlich ernster Stund’Des Jahres Scheidegruß zu bringen:Dann lauschen wir, als werd’ uns kund,Was nun der neue Lauf der HorenUns Erdenpilgern bieten mag –Das Jahr ward neuverjüngt geborenUnd festlich grüßt sein erster Tag.
Doch ist vergeblich alles Fragen,Die Antwort lautet immer gleich:Propheten sind aus unsern TagenVerbannt ins dunkle Sagenreich.Kein Blick darf in die Werkstatt schweifen,In der des Menschen Los sich webt,Kein Arm in das Getriebe greifen,Das Schicksals-Fäden senkt und hebt!
Das mußten alle wir erfahrenIn unsrer Lieben engem Kreis –Gebrochen müssen wir gewahrenManch hoffnungsgrüne frisches Reis,Und wo wir’s ahnend kaum vermutet,Da kam uns Rettung aus der Not,Indessen dort ein Herz verblutetWeil ihm sein Liebstes nahm der Tod!
Nur eitel ist das ird’sche Hoffen,Das sich an äußre Zeichen hält,Ist nicht in uns ein Himmel offen,Von dem kein Stern herunterfällt.Wie sehr auch Sturm und Donner wettertUnd frische Hoffnungssaat zerschlägtUnd alle Rosen uns entblättert,Wie Staub in alle Winde trägt. –
Ein Himmel, den wir sicher schauen,Wenn sich der Blick nur aufwärts hebt,Ein Himmel, den wir selber bauen,Wenn wir zum höchsten Ziel gestrebt,Ein Himmel, draus seit EwigkeitenZu uns die Schöpfungsformel spricht,Die heiligste für alle Zeiten:Kein Chaos mehr! – es werde Licht!
Kein Chaos mehr – in unserm Leben,Kein Chaos mehr im Vaterland!Es werde Licht, – dies unser Streben,Die Waffe dies in unsrer Hand.Des Gottesfunkens treue WächterAn heil’ger Freiheit Hochaltar,Und Feinde aller Lichtverächter:So grüßen wir das neue Jahr.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 241-243, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Jahreswechsel (Louise Otto)“, Fassung 644.048 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.