Im Dom zu Breslau
Louise Otto-Peters · 1819–1895
48 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1893
Ein Führer, angethan mit rotem KleidZeigt mir geschäftiglich des Domes Pracht,Die funkelnde, die gold’ne Herrlichkeit,Die manch Jahrhundert sorgsam hier bewacht.Da stehn die Heiligen aus lauterm GoldUnd die Madonna trägt ein Prachtgewand,Aus vielen Bildern grüßt sie schön und hold,Auf ihrem Arm der Welterlösung Pfand.
Ein Murmeln durch die hohen Räume klang,Es war ein Flehen von zerlumpten Frauen,Die blöd’ gefolgt des Elends dumpfem Drang,Durch lautes Beten hier sich zu erbauen.Es war ihr Antlitz bleich und abgezehrt,Drauf las man viel von bittrer Pein und Not,Und jenes Flehn, das ihnen nicht erhört,Die heiße Bitte: – „Gieb uns unser Brot!“
Ihr Armen, die Madonna hilft Euch nicht,Kein Herz schlägt unterm Sammet und Brocat –Und schaut Ihr zu der ew’gen Lampe Licht –Ach, auch von dorther keine Rettung naht.Umsonst blickt Ihr zu dieser Heil’gen Schar,Habt ihr Verehrung brünstiglich gezollt,Umsonst zu diesem prunkenden Altar,Umsonst – wenn Ihr nicht selbst Euch helfen wollt!
Ja, diese Pracht und diese HerrlichkeitSind Eures Mühens Schweiß, sind Euer Blut!Kein Segen ist’s, ein Fluch aus alter Zeit,Der für das Volk in solchen Tempel ruht.Das ist ein Götzendienst, ein FrevelspielMit Menschenhoheit und mit Menschenrecht,Verdummung nur ist dieses Prunkes Ziel,Damit der Fromme werd’ ein Pfaffenknecht.
Hinaus, hinaus aus diesem kalten DomUnd seiner weihrauchvollen, düstern Nacht!Hinweg, hinweg von diesem alten Rom,Daß unserm Deutschland stets nur Schmach gebracht.O daß Ihr doch das hohe Wort vernähmt:Das Vaterland die Menschheit läuft Gefahr,Wenn Ihr Euch nicht jedweder Knechtschaft schämtAls eine treue, deutsche Kämpferschar.
Erstündet Ihr mit einem JubelschreiVernichtet wär’ das finstre Pfaffenreich,Versänk’ in Nacht – Ihr aber wäret frei,Ihr wär’t noch mehr, Ihr wäret alle gleich.Kein Priester mehr, kein zwingendes Gebot,Kein Götzendienst zu einer Kirche Ruhm,Nur freie Menschen beten frei zu Gott,Nur in der Freiheit lebt das Christentum!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 103-105, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Im Dom zu Breslau“, Fassung 634.969 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.