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Versbuch

Ich schmücke meinen Speer

Louise Otto-Peters · 18191895

76 Zeilen in 19 Strophen · zuerst gedruckt 1893

O laßt mich einmal träumenIm wonniglichen Mai,Mich ruhn unter Blütenbäumen,Eh Mai und Lenz vorbei!

Des Wasserfalles Rauschen,Der Nachtigallen Gesang –Laßt mich ihn stille belauschen,Er tönt ja so nicht lang.

Laßt unter grünen BlätternMir suchen ein Lager auf,Wenn wirbelnde Lerchen schmetternIhr Lied zum Himmel hinauf.

Und wenn die Wachteln schlagenIm hohen blühenden Korn,Indes in duftigen HagenErkeimet jeder Dorn –

Da sollt Ihr mich nicht quälenMit Fragen her und hin:„Wie können wir auf Dich zählen,Treulose Kämpferin.

Wenn Du von Träumen befangenUnter den Blüten liegst,Wo Schmetterlinge prangenIm süßen Taumel Dich wiegst?

Wenn Du im MondenglanzeAls nächtliche SchwärmerinDich schmückst mit blühendem Kranze,Dess’ Duft betäubt den Sinn?

Jetzt schlummerst Du selbst im Wachen,Einst wachtest im Schlummer Du aufUnd rangst mit den feindlichen Drachen,Die hemmen der Zeiten Lauf.

Und wolltest kämpfen und dienenDem Volke bis es frei;Jetzt lauschst Du summenden BienenAls sei aller Kampf vorbei?!“

Hört auf, mich so zu quälenMit Fragen hin und her;Ich werd’ im Kampfe nicht fehlen,Doch schmück ich meinen Speer!

Schmück ihn mit blühenden Sprossen,Mit Halmen schwer und voll,Und glaubt mir, Kampfgenossen,Daß er noch treffen soll!

Beim fröhlichen KränzebindenBleibt jung und frisch mein Mut,Die Starren zu überwindenMit Lenzbegeisterungsglut.

Die Halme sollen’s erklären:Mein Speer ist den Armen geweiht,Nicht länger soll es währen,Um’s tägliche Brot ihr Leid.

Doch selbst in blutigen KriegenMan Waffenstillstand hält,Wenn es sich just muß fügen,Daß drein ein Festtag fällt.

Den fromme Gläubige ehrenSo wollen im Lenz wir thun,Woll’n seine Feier verklärenUnd von den Waffen ruhn.

Und seid Ihr’s nicht zufrieden,Seid Ihr zu strenge und kalt,So ist doch mir beschiedenDie fromme Feier im Wald.

So laßt doch den PoetenIm Lenze werden zum Kind,Mit Vögeln und Blumen ihn reden,Die seine Vertrauten sind.

So laßt mich einmal träumenIm wonniglichen Mai,Mich ruhn unter Blütenbäumen,Eh Mai und Lenz vorbei.

Und auf hört mich zu quälenMit Fragen hin und her –,Ich werd’ im Kampfe nicht fehlen,Doch schmück ich meinen Speer!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 123-126, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Ich schmücke meinen Speer“, Fassung 634.968 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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