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Versbuch

Heimat

Louise Otto-Peters · 18191895

44 Zeilen in 11 Strophen · zuerst gedruckt 1893

Viel tausend Menschen hat es sonst gegeben,Die nie hinaus aus Stadt und Dorf gekommen,Im selben Haus da sie erwacht zum Leben,Ist ihnen auch sein letzter Strahl verglommen.

Einförmig ward der Faden fortgesponnenUnd reichte niemals über weite Grenzen,Doch eine Welt von Leiden und von WonnenFand darin Raum in bunten Wechseltänzen.

Das enge Haus hielt selbst den Sinn gebunden,Und Haus und Hof war allem lieb und teuer,Man fürchtete des Heimweh’s tiefe Wunden,Wenn man verließ des trauten Herdes Feuer. –

Das war vordem – da gab’s noch weite Fernen –Da gab’s noch enge festgeschlossne Kreise,Es mochte kaum ein Volk vom andren lernenUnd jeder Gau bewahrte seine Weise.

Jetzt aber drängt’s die Heimat zu verlassenSo jung als alt und zieht sie weit und weiter,Es wird der Dampf für ganze VölkermassenZum ruhelosen lockenden Begleiter.

Wohl ist es schön, die schöne Welt durchfliegen,Wo immer neue Wunder sich erschließenIm Schauen und im Staunen sich zu wiegen,Natur und Kunst begeistert zu genießen.

Wohl ist es schön im fernen Land zu weilenDas Edle auch im fremden Volk erkennen.Mit ihm das Streben nach dem Höchsten teilenIm Dienst der Menschheit sich verbunden nennen

Doch dreimal schöner wenn Erinnerungen,An solche Zeiten uns die Heimath schmückenUnd wenn der Boden, den wir selbst entsprungenUns noch vermag wie einstens zu beglücken

Wohl ist’s ein Glück, das Wen’gen, ist beschiedenWenn uns die Stätte wo wir einst geboren,Wo wir geträumt im holden Jugendfrieden,Im Alter noch als Heimat unverloren.

Wenn wir, was da wir strebten und empfunden,Auch in der Ferne weiter groß gezogenWenn, was wir hier gelobt in heilgen StundenVerleugnet nie in stürmschen Lebenswogen.

Wenn wir die Heimat so bewußt betreten,Gedenkend gern so alt als neuer Zeiten,Dann kommt es über uns wie stilles Beten,Wie mildes Abendrot vor’m letzten Scheiden.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Mein Lebensgang. Gedichte aus fünf Jahrzehnten. S. 291-292, 1. Auflage, Moritz Schäfer, Leipzig, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Heimat (Louise Otto)“, Fassung 3.512.936 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Louise Otto-Peters starb 1895; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1965 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118590901 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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