Zum Inhalt springen
Versbuch

Nächtliche Unterhaltung

Kurt Tucholsky · 18901935

42 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 4. Mai 1926

Der Landgerichtsdirektor schnarchte im Bett.Seine Garderobe lag – ziemlich komplett –auf dem Stuhl. Die Nacht war so monoton …Da machten die Kleider Konversation.

„Ich", sagte die Jacke, „werde ausgezogen.Ich hänge – ungelogen –im Beratungszimmerund habe keinen Schimmer,was mein Alter da treibt.“

„Wir sprechen Recht!“, sagte die Weste.„Aber feste –!Wir schnauzen die Angeklagten an –wir benehmen uns wie ein Edelmann.Wir verbieten allen sofort den Mundund reden uns selber die Lippen wund.Wir verhängen über Wehrlose Ordnungsstrafen(nur, wenn wir Beisitzer sind, können wir schlafen).Zum Schluß verknacken wir. Ohne Scherz.Unter mir schlägt übrigens kein Herz.“

„Wir,“ sagten die Hosen, „wir habens schwer.Neulich kam der Landgerichtspräsident daherund hat revidiert. Er saß an der Barriere,und es ging um unsre ganze Karriere.Vor uns ein Kommunist. Da haben wir wie wildgeschmettert, geschnattert, gestampft und gebrüllt.Aber wie es manchmal so geht hienieden:der Präsident wars noch nicht zufrieden.Und da blieb uns die ganze Rechtswissenschaft weg,und da bekamen wir einen mächtigen Schreck.Und zum Schluß besahen wir uns den Schaden:Wir Hosen hatten es auszubaden!“

So sprachen die Kleider in dunkler Nachtund haben sich Konfidenzen gemacht.

An der Wand aber hing ein stiller Hut,dem waren die Kleider gar nicht gut.

„Erzähl was, Hut! Erzähl uns was!“Der Hut aber sprach verlegen: „Das –das wird nicht gehn.Ich armer Tropfich sitze nämlich bei Dem auf dem Kopf.Und so hab ich, Ihr müßt mich nicht weiter quälen,nicht das Geringste zu erzählen –!“

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Die Weltbühne. Jahrgang 22, Nummer 18, Seite 690, Verlag der Weltbühne, Berlin, 4. Mai 1926
Digitalisat
de.wikisource.org — „Nächtliche Unterhaltung“, Fassung 2.344.707 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Kurt Tucholsky

Alle Gedichte von Kurt Tucholsky ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Moderne und Expressionismus

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.