Der Lenz ist da!
Kurt Tucholsky · 1890–1935
24 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1919
Das Lenzsymptom zeigt sich zuerst beim Hunde,dann im Kalender und dann in der Luft,und endlich hüllt auch Fräulein Adelgundesich in die frischgewaschene Frühlingskluft.
Ach ja, der Mensch! Was will er nur vom Lenze?Ist er denn nicht das ganze Jahr in Brunst?Doch seine Triebe kennen keine Grenze –Dies Uhrwerk hat der liebe Gott verhunzt.
Der Vorgang ist in jedem Jahr derselbe:man schwelgt, wo man nur züchtig beten sollt,und man zerdrückt dem Heiligtum das gelbegeblümte Kleid – ja, hat das Gott gewollt?
Die ganze Fauna treibt es immer wieder:Da ist ein Spitz und eine Pudelmaid –die feine Dame senkt die Augenlider,der Arbeitsmann hingegen scheint voll Neid.
Durch rauh Gebrüll läßt sich das Paar nicht stören,ein Fußtritt trifft den armen Romeo –mich deucht, hier sollten zwei sich nicht gehören …Und das geht alle, alle Jahre so.
Komm, Mutter, reich mir meine Mandoline,stell mir den Kaffee auf den Küchentritt. –Schon dröhnt mein Baß: Sabine, bine, bine …Was will man tun? Man macht es schließlich mit.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Fromme Gesänge, S. 69, Felix Lehmann, Charlottenburg, 1919
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Lenz ist da!“, Fassung 3.790.801 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.